Sufis

 

Auszug aus ‚Tanz und Spiritualität’, meiner Abschlussarbeit für die Laban-Tanzschule ‚Zentrum für Bewegungskunst’ im Jahr 2000, im Rahmen der I.S.T.-Ausbildung.

Sufis und Derwischtanz

Sufismus ist der mystische Strom im Islam. Von vielen Mohammedanern wird er respektvoll anerkannt doch von einzelnen strengen Muslimen auch angefeindet, denn die Sufis sind äusserst offen anderen Glaubensgemeinschaften gegenüber. Sie betonen nämlich, dass ihre verborgene Lehre das gleiche Thema beinhaltet, wie jede Religion: Die Sehnsucht des Menschen nach Selbsterkenntnis. Dieses starke Bedürfnis ist das Sehnen des Menschen nach Kontaktaufnahme mit dem Geheimnis unserer Existenz – dem Göttlichen. Eine der Bedeutungen des Wortes ‚Sufismus’ im Arabischen ist ‚Wolle’ (Suf). Dies ist ein Codewort für Sufis und weist hin auf die Notwendigkeit des Spinnens, des ‚Bearbeitens des eigenen Materials’ – also der Arbeit an sich selbst.

Für die Sufis ist ein Lehrer, der einen anleitet, unverzichtbar – jemand , der den Weg schon gegangen ist und auf die Gefahren aufmerksam machen kann. Die zwei Aufgaben des Sufi auf dem Pfad dieser inneren Entwicklung sind: Erstens die Ausbildung von bestimmten Organen der höheren Wahrnehmung (diese können durch die Meditation entwickelt werden), deren dauerhaftes Wirken ihm die wahre Wirklichkeit enthüllt, die hinter der äusseren Wirklichkeit liegt, und zweitens sein Handeln aufgrund der neuen Erkenntnisse! Der Sufismus weist beharrlich auf die Unvollkommenheit des Denkens und somit auch der trockenen Wissenschaft hin. Das blosse Funktionieren des normalen Intellekts wird verstanden als, ‚eine Folge von Vorstellungen, die abwechslungsweise vom Bewusstsein Besitz ergreifen’, was Verhaftetsein, Unfreiheit und Unbeweglichkeit neuen Situationen gegenüber bewirkt. Nach der Loslösung von den Gefühlen und vom Intellekt – und von Liebe aktiviert – komme ein ‚Organ des Verstehens’ zum Vorschein, das jedem Menschen angeboren sei und das nur durch direkte Wahrnehmung erkannt werden könne. Dies gehört zum Bereich, welcher die Sufis ‚das Andere’ nennen, denn diese Wahrheit unterscheidet sich qualitativ von all dem, was wir normalerweise als Wahrheit zu betrachten pflegen. Der Mensch wird als ‚Wesen das unterwegs ist’ angeschaut. Der Sufismus fördert eine Beweglichkeit in jeder Hinsicht und somit das Interesse an ständiger Erneuerung, Eigen-Verantwortung und –Initiative, also Kreativität dem Leben gegenüber und keineswegs die Uebernahme bestimmter Dogmen. Mevlana Jalaluddin Rumi, der berühmteste Dichter der Sufi sagte: ‚Du musst erkennen, dass du ein Schwan und keine Ente bist.’ Er ermunterte also den Menschen dazu, zu seiner wahren Bestimmung und Grösse zu finden.

Der bekannte rituelle Drehtanz der Derwische entstand durch die Inspiration von Rumi und wurde beeinflusst von der türkischen Kultur. Er wird ‚Sema’ genannt. Ein anderer Name der sakralen Tänze der Sufis ist ‚Dhikr’, was anrufen oder ‚(rück)erinnern an Gott’ heisst. Das Sema umfasst die drei grundlegenden Aspekte der menschlichen Natur: Geist, Gefühl und Körper. Das Geistige zeigt sich im Wissen, dass alles – jedes Wesen und jedes Objekt – sich in einer andauernden Drehbewegung befindet, im Kleinsten auf atomarer Ebene bis zur Eigenrotation und den Umlaufbahnen der Planeten und Sterne – alles tanzt. Der Mensch nimmt nun im Ritual willentlich an dieser Bewegung teil, im vollen Bewusstsein der Verbundenheit aller Wesen in den sich-durchdringenden Schwingungen. Das Gefühl – das Herz – wird in Laufe des Rituals erhöht mittels der Musik, die dabei gespielt wird und den Gedichten, die rezitiert werden. Der Körper vollzieht die Drehung im Gegenuhrzeigersinn, so wie die Himmelskörper sich drehen – so bekräftigt und ehrt der Mensch die Schöpfung und das Göttliche. Die rechte Hand öffnet sich zum Himmel, sie ist bereit, Gottes geistige Geschenke zu empfangen. Die linke Hand zeigt zur Erde – der Derwisch schaut sie an – er überbringt Gottes Gaben den Menschen, die dem Sema beiwohnen. Indem er sich von rechts nach links um sein Herz herum dreht, umarmt er die gesamte Menschheit in Liebe. Das Sema symbolisiert die spirituelle Reise des Menschen: den ‚mystischen Tod’, das Aufgeben des Ego – d.h. das Transzendieren der Gefühle und des Intellekts, das dann das Aufblühen dieser besonderen mystischen Liebe in die Hingabe ans Göttliche ermöglicht und endlich die Wiedergeburt, die Erleuchtung angesichts der Wahrheit, der Einheit, der Quelle. Danach wird dieser göttliche Nektar, der den TeilnehmerInnen des Sema zuteil wurde, ‚geerdet’: In der Sufitradition ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass wir mit diesem ‚Nektar’ die Welt, unseren Alltag befruchten, die anderen daran teilhaben lassen!
Als ich mich tiefer mit dem Sufismus befasste, war ich dann auch überwältigt davon, wohin überall sein Einfluss reicht. Seine Wurzeln sollen sehr alt sein. Die grossen Religionen sowie Gemeinschaften, die altes Wissen behüten, wie z.B. Templer, Rosenkreuzer u.a., sollen von seinen Inhalten durchdrungen worden sein. Franz von Assisi habe Beziehungen zu Sufis gepflegt. Die Troubadoure, die Minnesänger, sollen deutlich Sufiweisheiten verbreitet haben. Spanien war ca. 800 Jahre lang von Arabern bewohnt – viele davon seien Sufis gewesen und haben massgeblich die abendländische Kultur und Kunst in vielfältiger Weise mitgeprägt. Politisch war ‚das Arabische’ während der Zeit der Mauren verpönt – es gab und gibt jedoch einen geheimen Strom des überlieferten Wissens der Sufi in Europa.

Rudolf von Laban interessierte sich für Sufis und ihre Weisheit, er hatte als junger Mann auch die Gelegenheit, ihren Ritualen beizuwohnen. Seine kleine, einfache Tanzvorgabe des ‚Sammelns und Streuens’ erinnert mich an die sehr wichtige sufische Lehre , dass, nachdem wir uns mit einer Sache identifiziert haben – sie genau erforscht, ‚gesammelt’ haben – es sehr notwendig ist, uns wieder loszulösen davon, damit wir uns nicht verhaften. Auf einer fortgeschrittenen sufischen Entwicklungsstufe gibt es keine Rituale mehr, weil auch die Rituale die Aufmerksamkeit binden. Der Sufi möchte die Welle der Evolution in Gang setzen – mit Liebe. Liebe bedeutet für ihn Handeln, nicht nur Vergnügen und schon gar nicht die Hoffnungslosigkeit unerwiderter Liebe. Rumi sagte: ‚Wo du auch bist und wie immer es dir ergeht, strebe stets danach ein Liebender zu sein.’

Interessant ist folgendes das Khaled Seif in seinem sehr informativen Buch ‚Die Welt des Raks Shaabi’ beschreibt: „Während die Sufis vor allem durch Askese und Weltentsagung Gott nahe zu kommen versuchten, zeigte sich Ende des 8. Jahrhunderts eine neue Entwicklung, an deren Beginn eine Frau stand: Raba’a al-Adawiyya, die Heilige von Basra, die 801 verstarb. Sie war es, die das Element der selbstlosen Liebe in die Weltabgewandtheit der Asketen einführte. Diese Liebe um der Liebe willen wurde zum Mittelpunkt des Sufismus. Einmal soll sie mit Fackel und Wassereimer durch Basra gegangen sein und erklärt haben: ‚Ich will Feuer ans Paradies legen und Wasser in die Hölle giessen, damit diese beiden Schleier verschwinden und deutlich wird, wer Gott aus Höllenfurcht oder Hoffnung aufs Paradies anbetet’. Ihre Gottesliebe nahm ihr gesamtes Denken ein und liess ihr so auch keinen Platz für eine weltliche Liebe. Da sie der Auffassung war, der eifersüchtige Gott erlaube nicht, die Liebe, die allein ihm zustehe, mit jemand anderem zu teilen, räumte sie auch dem Propheten keinen besonderen Stellenwert in ihrem Frömmigkeitsleben ein. Raba’a war nicht die Einzige, wohl aber die bekannteste Heilige des 8. Jahrhunderts und genoss aufgrund ihrer selbstlosen Liebe die Achtung und Akzeptanz selbst von Männern, die Frauen ansonsten verachteten.“

Und: „Bis heute prägen Derwischbruderschaften vielerorts die Volksfrömmigkeit.“ Diese Aussage gibt Anlass zur Hoffnung, dass die im Sufismus in Gedichtform vielbesungene, mystische Liebe zu Gott endlich in alle Lebensbereiche Einzug hält und als wahre Spiritualität, als ‚Mitgefühl in Aktion’ die Herzen der Menschen berühren und damit unsere Welt in eine liebevolle verwandeln kann.