Besonderes

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Das Geschenk der Anerkennung und Erkenntnis in weiblicher Nacht
(aus einer Betrachtung zum Gnadenbild der ‘Schwarzen Madonna’ von Einsiedeln, übersetzt aus dem englischen)
von Elena Hinshaw-Fischli

Für die freundliche Genehmigung der Autorin zur erstmaligen, teilweisen Veröffentlichung dieser Arbeit – allerherzlichsten Dank! Der vollständige, höchst interessante Artikel in englisch, kann bei der Autorin bezogen werden via Mail: ehinshaw@bluewin.ch.

La Fuente Die Quelle

Wo sie entspringt, das weiss ich nicht.

Dass aber alles ihr entspringt, das weiss ich,
und ja, es ist die Nacht.

Ich kenne nichts Schöneres.
Himmel und Erde erquicken sich an ihr,
und ja, es ist die Nacht.

Ich weiss, sie ist unendlich,
für niemanden fassbar,
und ja, es ist die Nacht.

Sie ist schwarz und doch von einer Klarheit,
die nichts verdunkelt.

Alles Licht entsteht aus ihr, das weiss ich,
und ja, es ist die Nacht.

Ihre Wasser, das weiss ich, sind so zahlreich,
dass sie Höllen, Himmel und Menschen laben,
und ja, es ist die Nacht.

Alle Geschöpfe sind geladen, ihren Durst
in ihrem samtnen Dunkel zu stillen,
denn sie ist die Nacht.“

Juan de la Cruz

Die Wasser der Nacht – so erkennt es der Dichter – werden allen ohne Unterschied zum Trank gereicht, niemand wird ausgeschlossen, diskriminiert oder abgewiesen. Laut San Juan dem Karmeliter stillt die Nacht selbst den Durst ‚der Höllen’ , also all dessen, was weggesperrt, abgespalten, verdrängt wurde durch Schmerz, Scham, Schuld, Angst. All dessen auch, was wir mit den Bewertungen von „krank, schlecht, sündig, hässlich, wertlos, schwach, mangelhaft“ verbinden. Die Nacht erquickt und nährt alle, nicht als barmherzige Tat, sondern als zutiefst natürliches, grundlegendes Geschenk, unabhängig jeglicher Wertvorstellung, jeglichen Urteils, ohne Erklärung.

Im Englischen gibt es bemerkenswerter Weise ein Wort, das nicht nur „Quelle“ bedeutet, sondern auch für die Jahreszeit des Beginns steht: Spring.

Diese Verbindung wird in der Skulptur der Einsiedler Madonna ebenfalls ersichtlich. Die stille, niemanden ausschliessende, völlig natürliche Grosszügigkeit im Erlaben durch nächtliche Ruhe wird von einer jungen, knospenden Frau und einem kleinen Kind verkörpert.

Dieser Beginn, der noch alles knospend enthält und in dem vieles noch im Dunkeln verborgen ist – viele Wandlungen, Möglichkeiten, Verheissungen, Neuanfänge, die noch im Schoss der Erde oder eben im Nachtsamtenen atmen – ist alles andere als nur eine massa confusa,alles andere als inhaltslos. Eine kurze Meditation zum Wesen der Farbe Schwarz mag uns hier weiterhelfen.

Der Eindruck von ‚schwarz’ entsteht, wenn mannigfachste, verschiedenste Lichtfrequenzen von einer speziellen Oberfläche oder einem Feld absorbiert werden, welches nichts zurückreflektiert in gesonderten, einzelnen Farben. Auf den ersten Blick kann man dies als Verlust, gar als Beraubung, als eine Art Verschlucktwerden ins Nichts empfinden. Der schwarze Grund ist jedoch weit weg davon, die unzähligen Farben, die er in sich aufnahm, zu vernichten. In der Tiefe bewahrt, enthält er sie alle in unsichtbarer Art. Keine einzige Farbe oder Farbschattierung geht verloren, wenn sie vom Schwarz umfangen wird. Nur an seiner Oberfläche erscheint es ihrer aller bar. In seinem Kern ist es von reichster Fülle. Es trägt sie alle in ihrer verschiedenen, einzigartigen Natur in seinem Schoss, vergleichbar einer Frau Nacht oder einer schwarzen Madonna, einer Madonna mit dunklem, nachtsamtenem, schützendem Mantel. Den verschiedenen Farben wird gewissermassen erlaubt, ‚sich auszuruhen’ und miteinander zu existieren in einem alles akzeptierenden Raum. Hier kommen wir in einen Bereich, der dem mystischen Paradox nahe ist.

Nun wird es uns leichter zu verstehen, warum so viele Kulturen schwarze Bilder, Skulpturen, Steine mit numinoser, mystischer Energie versehen und sie verehren. In ihrem tiefsten Wesen werden sie als Träger von unsichtbarer Fülle gesehen, als Symbole einsgewordener Ganzheit, als stille, ruhige Zeichen einer Integration von Vielfalt. In diesem Sinne sind sie wahrhaft heilende Bildnisse.

Als ein weiteres Symbol möchte ich in diesem Zusammenhang an den Kreis des chinesischen Yin und Yang erinnern. Wie wir wissen, wird das chinesische Yin verbunden mit dem Geschmeidigen, Schwachen, Weichen, Knospenden, mit Feuchtigkeit, dem Wässerigen, mit dem Weiblichen – und ist ebenfalls schwarz. Wie Nacht und Tag zusammengehören, bildet das schwarze Yin mit dem weissen Yang ein harmonisches, kreisförmiges Rund.

Dem „Weiss“, dem Licht und dem Tag wird heutzutage immer grössere Wichtigkeit gegeben. Ausser in stets selteneren, abgelegenen Gebieten dehnen sich die Tage überall weit in die Nacht aus durch künstliches Licht. Viele Aktivitäten, die lange für den Tag reserviert waren aufgrund des natürlichen Lichts, können jetzt bis tief in die Nacht ausgedehnt werden. Arbeit dehnt sich in die Nacht aus, Ruhelosigkeit dehnt sich in die Nacht aus, Lärm dehnt sich in die Nacht aus. Unser Tagesbewusstsein ist überstimuliert und überaktiv, nicht mehr im Einklang mit einem natürlichen Rhythmus von Anspannung und Entspannung, von hell und dunkel. Dies befeuert eine Haltung dem Leben gegenüber, dass alles immer „mehr, grösser, schneller, besser“ sein sollte. Die Betonung auf Verbesserung, Effizienz und Wirksamkeit enthüllt nicht nur etwas sehr Unharmonisches, sondern auch etwas Gnadenloses.

Dem Leben erlauben, einfach zu sein was und wie es ist, loslassen, Vertrauen finden in das, was jetzt gerade ist, das Unvollständige und Mangelhafte akzeptieren anstelle des Wirkungsvollen und Effizienten – das sind Wege des Seins, die zu oft überrannt werden. Sie sind jedoch so von Nöten, um Ruhe zu finden, um sich zu regenerieren, sich neu zu orientieren, sich zu öffnen, um Frieden zu schliessen mit dem Leben, in dem wir uns gerade befinden, um Vertrauen zurückzugewinnen und sich zu heilen.

Eine nächtliche Figur wie diese Madonna kann uns von neuem einladen in eine Stille und Ruhe, wo der zwei-Millionen-Jahre alte Heiler, der uns allen innewohnt – nach C.G. Jung – eine Chance hat, unsere Selbstregulierungs- und Selbstheilungskräfte zu aktivieren, die uns immer wieder ausgleichen, heilen und stärken wollen. Hier könnte wohl der Kern für die Heilkräfte liegen, die dieser Madonna nachgesagt werden.

Es ist in wahrstem Sinn notwendig und unabdingbar, wieder zu entdecken, wie wichtig es ist, mit Dunkelheit und Schwarz zu sein, um unsere überallhin zerstreuten Persönlichkeitsaspekte zu sammeln, um oberflächlich oft unvereinbare oder auch verdrängte, verunglimpfte, verlassene ‚Farben’einzusammeln an einem Ort, wo diese sich ausruhen können, in Stille beieinander sein dürfen, einen Raum erhalten, wo nach neuen Wegen eines guten Zusammenwirkens gesucht werden kann. Und wo vielleicht sogar eine Vereinigung im Schutz von Stille und Ruhe geschieht.

Dionysos der Aeropagite, dessen Arbeit in der griechisch-orthodoxen Welt beinah so massgebend war wie die Heilige Schrift, wurde nicht müde, immer wieder diese Einkehr ins Dunkle zu loben. Er erinnert daran, dass nur in der Dunkelheit die paradoxe Natur des Numinosen erfasst werden kann und das „Heilige“ zur Erfahrung wird. Dass uns also nur in dieser Dunkelheit jenseits des Intellekts das Erlebnis der Gegenwart des Göttlichen, das alle Worte übersteigt, geschenkt wird.

Wir kennen alle die Erfahrung, dass das Verwischen und Wegfallen von Grenzen nicht nur beängstigend ist, wenn wir uns in konkreter oder metaphorischer Dunkelheit vorfinden. Der Gewinn gleicht den Verlust sehr oft aus. Während wir in der Nacht sind, im Dunkeln, im Schwarzen sehen wir zwar anscheinend weniger deutlich und verlieren viel mehr die Kontrolle, aber unsere Sinne sind geschärft und beginnen viel stärker zusammen zu arbeiten – wir hören, tasten, fühlen, riechen, empfinden, sinnieren mit einer oft erhöhten Achtsamkeit und Feinfühligkeit. Wir teilen offener einen Raum mit anderen. Die Bereiche des Subjektiven und des Objektiven, des Inneren und Äusseren verwischen. Und die Unterschiede zwischen dem Ich und dem Du, zwischen Eigenem und Fremdem sind nicht mehr so markant.

In diesem Zusammenhang überrascht es nicht, dass die Einsiedler Schwarze Madonna mit stiller, subversiver Kraft als äusserst wirkungsvolle ökumenische Kraft wirkt, welche die konfessionellen Kategorien und Grenzen sprengt. Einschränkungen fallen weg, werden überwunden und transzendiert. Dies hat dazu geführt, dass dieses schwarze Gnadenbildnis zu einem Versammlungs- und Berührungsmittelpunkt für so viele ethnische Gruppen wurde, von alevitischen Kurden zu muslimischen Afrikanern, von hinduistischen Tamilen bis zu buddhistischen Tibetern.